Der Bundesvorstand und die Demo zum bedingungslosen Grundeinkommen

Oktober 11th, 2010 § 14 Kommentare

Der Bundesvorstand  der Piratenpartei hat in seiner Sitzung am 7. Oktober beschlossen, den Antrag “Unterstützung der BGE-Demo am 06.11.2010″ anzunehmen. Ich habe mich am Freitagvormittag auf Twitter ziemlich eindeutig positioniert, was mir einerseits heftigen Widerspruch bis hin zu Austrittsforderungen eingebracht hat, mir andererseits aber auch gezeigt, dass ich nicht alleine in meiner Einschätzung bin. Ehrlich gesagt habe ich mich gewundert, dass der “Shitstorm” nicht schon am Donnerstagabend los ging.

Ich möchte hier etwas ausführlicher darlegen, warum ich den Beschluss die Demo zu unterstützen für falsch halte. Ich möchte hier nicht inhaltlich auf das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) eingehen, sondern mich nur zum Beschluss im Speziellen äußern. Ich habe mir zum BGE – wie man so sagt – noch keine endgültige Meinung gebildet, wobei ich eher zu einer Ablehnung tendiere.

  • Die Unterstützung einer Demonstration für ein bestimmtes Thema kommt einer Unterstützung des Themas gleich
    Im Protokoll der Vorstandssitzung kann man nachlesen, wie die Aussage des Schatzmeisters Bernd Schlömer die Stimmung von ursprünglicher Skepsis in Richtung Zustimmung zum Antrag dreht: 

    Bernd: Es handelt sich um die Unterstützung eines Aufrufs zu einer Demo und damit zur Wahrung der Grundrechte. Ich finde, wir können den Antrag unterstüzten
    Christopher: Ich schließe mich Bernd an, ich finde, wir könnnen das so unterstützen
    Wolfgang: Bernd, du hast mich überzeugt. Ich unterstütze das jetzt auch.

    Diese Argumentation ist in mehrerlei Hinsicht naiv, wenn nicht gar gefährlich. Zum Einen könnte mit dieser Argumentation die Teilnahme an jeglicher Demonstration gerechtfertigt werden. Dies wurde auch von einem neuen Antrag an den Bundesvorstand aufgegriffen, der allerdings äußerst hirnlos und dämlich war und glücklicherweise wieder zurückgezogen wurde. Zum Anderen wird die Öffentlichkeit die Aussage “Piraten unterstützen BGE-Demo” immer mit der Aussage “Piraten unterstützen BGE” gleichsetzen. Es ist unrealistisch, dass man nach außen vermitteln könne, man unterstütze die Demo, weil man die Wahrnehmung der Grundrechte so toll finde. Dies war im Übrigen auch nicht die Intention des Antrags.

  • Die Unterstützung eines bedingungslosen Grundeinkommens durch die Piratenpartei ist nicht ausreichend demokratisch legitimiert
    Nach unserem Selbstverständnis innerhalb der Partei hat nur der Bundesparteitag die Kompetenz programmatische Aussagen zu treffen, insbesondere zu Themen, die über die klassische Kernthematik hinausgehen. Dies hat bislang nicht stattgefunden.
    Von den BGE-Befürwortern wird oft auf einen “Beschluss” des Bundesparteitags 2010.1 in Bingen hingewiesen. Tatsächlich handelt es sich um ein Meinungsbild. Da ich – obwohl ich vor Ort war – nichts von diesem Meinungsbild mitbekommen habe, habe ich versucht Näheres herauszufinden. Im Protokoll findet sich nicht viel dazu: 

    GO-Antrag: Auf dem Papier was ich eingereicht habe, war auch ein GO-Antrag auf Meinungsbild.
    Versammlungsleiter: Meinungsbild, ob die Piratenpartei Deutschland sich mit dem Thema BGE eingehend befasst, um ein tragfähiges Konzept auszuarbeiten.
    Versammlungsleiter: Wer findet die Idee "Grundeinkommen" Prinzipiell gut? Ein Meinungsbild.
    2010-05-16 16:26:03

    Nicht gerade ausführlich – insbesondere ist das Ergebnis nicht protokolliert. Auch in der Video-Aufzeichnung ist das Ergebnis nicht ersichtlich und wird vom Versammlungsleiter nicht mitgeteilt. Mir wurde zwar von anderen Piraten bestätigt, eine Mehrheit sei dafür gewesen. Aber: ihr Eindruck war keinesfalls der, dass sie sich dafür aussprechen, dass die Piraten die Einführung eines BGE unterstützen sollen, sondern eher, dass sie nicht dagegen sind, sich ganz allgemein mit der Idee zu beschäftigen. Daraus abzuleiten, eine Mehrheit der Piraten hätte auf einem Parteitag pro BGE gestimmt, halte ich für einen falschen Schluss.

    Außerdem sind in der Begründung des Antrags zur Unterstützung der BGE-Demo mehrere LiquidFeedback-Initiativen verlinkt. Eine ist die Initiative  “Grundsätzliches Bekenntnis zum BGE“, die mit 331 Pro-Stimmen, was 63% der Abstimmenden (ohne Enthaltungen) entspricht,  angenommen wurde. Was verschwiegen wird: auch die Gegeninitiative “Definition des BGE und seiner Ziele statt Phrasendrescherei” wurde von 70% der Abstimmenden befürwortet (306 Pro-Stimmen). Sie belegt zwar durch das verwendete Auszählungsverfahren nur den zweiten Rang, sollte aber auch wahrgenommen und berücksichtigt werden.

    Die beiden anderen verlinkten Initiativen beziehen sich direkt auf die Unterstützung der BGE-Demo. Die eine aus dem Berliner LiquidFeedback, die mit 90% angenommen wurde, also einer sehr hohen Zustimmung. Die andere aus der Bundesinstanz. Diese hat gerade einmal 277 Pro-Stimmen, allerdings auch 216 Gegenstimmen. Wieder nicht erwähnt wird die die Gegeninitiative “Ohne Parteitagsbeschluss keine Unterstützung einer Demo für ein BGE”, die immerhin 209 Pro- und 230 Contra-Stimmen hat. Ganz so eindeutig sind Verhältnisse also nicht. Selbst starke  BGE-Befürworter wie @jorges empfehlen dem Bundesvorstand aufgrund dieser Ergebnisse, den Antrag abzulehnen.

Persönliches Fazit: Dem Bundesvorstand scheint die Tragweite seiner Entscheidung nicht bewusst gewesen zu sein. Dafür spricht allein schon die Tatsache, dass sie einen so weit reichenden Beschluss (nicht im Wortlaut, aber in seiner Wirkung) in knapper Besetzung behandelt haben: es haben gerade einmal vier Mitglieder des Vorstandes teilgenommen.
Der Vorstand hat mit seiner Entscheidung ein klares Statement Pro BGE abgegeben. Für die zukünftige Entwicklung der Piratenpartei ist das brandgefährlich. Es wurde aufgrund eines Meinungsbildes, bei dem sich ca. 2-3% der Parteimitglieder für etwas ausgesprochen haben, eine Entscheidung getroffen. Das ist noch viel weniger als auf jedem noch so “unbasisdemokratischen” Parteitag. Das BGE ist in der Partei stark umstritten, wie man ja schon an den LiquidFeedback-Initiativen sieht. Mein persönliches Gefühl ist beispielsweise, dass eine deutliche Mehrheit der aktiven bayerischen Piraten dem BGE zumindest skeptisch gegenübersteht. In Berlin mag das anders sein und die Unterstützung der Demo durch den Berliner Landesvorstand finde ich in Ordnung, nicht aber die Unterstützung auf Bundesebene! Falls das LF-Meinungsbild repräsentativ ist: soll das BGE wirklich gegen den Widerstand von über 40% der Mitglieder durchgedrückt werden? Die Gefahr einer Spaltung oder gar eines Zerbrechens der Partei sollte nicht einfach so übergangen werden!

Die BGE-Befürworter sollten sich hingegen fragen, ob sie mit ihrem unstrategischen und undiplomatischen Vorgehen nicht ihrer eigenen Sache viel mehr schaden. Viele Äußerungen zeugen für mich von einer “Wenn ihr nicht für mich seid, seid ihr der Feind”-Einstellung. Demokratische Politik ist nun einmal nicht das Durchpressen eigener Meinungen und Ansichten nach dem “Mit dem Kopf solange gegen die Wand bis sie zerbricht”-Prinzip. Lieber normative Kraft des Faktischen als Argumente?
Auch dadurch wurde die vollkommen überzogene Reaktion der Gegenseite (Stichwort “NPD-Antrag”) provoziert. An dieser Stelle möchte ich allerdings auch die “Wenn das BGE kommt, bin ich weg”-Fraktion bitten sich mit Aus- und Rücktrittsdrohungen zurückzuhalten. Diese sind kindisch, kontraproduktiv und tragen in keinster Weise zu einer konstruktiven Lösung des Problems bei.

Es bleibt (wieder einmal) zu hoffen, dass beide Seiten sich mäßigen. Der Bundesvorstand sollte darüber nachdenken, ob er sich wirklich im Klaren war, worüber er beschlossen hat. Mehr politisches Fingerspitzengefühl in Zukunft wäre ebenso wünschenswert.

Weiterführende Links:

Unterstützung der BGE-Demo am 06.11.2010


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§ 14 Antworten auf Der Bundesvorstand und die Demo zum bedingungslosen Grundeinkommen

  • Straider sagt:

    Stimme dir voll und ganz zu.
    BGE muss in der Piratenpartei ausgearbeitet werden. Momentan kommt es mir so vor, als wäre es eine Traumvision für viele. Ich kann aber BGE nicht unterstützen, solange nicht ein paar Grundfragen überhaupt geklärt sind. Ich will nicht an einen Infostand jemanden erklären müssen wie wir uns vorstellen das BGE in Deutschland momentan überhaupt zu finanzieren! Wenn wir es innerhalb der Partei ausgearbeitet haben, dann kann ich es vielleicht unterstützen.

    • korbinian sagt:

      beim thema grundsicherung und gesellschaftliche teilhabe sind wir wesentlich weiter als zb bei unserem “kernthema” urheberrecht – wozu wir ja überhaupt keine ernstzunehmende position haben. zumindest wird über ein bge wesentlich fundierter diskutiert. lustigerwerise werden wir trotzdem als filesharer partei wahrgenommen.

      • aloa5 sagt:

        Beim Thema BGE von “fundierter Diskussion” zu reden spricht etwas für Realitätsverlust.

        Davon abgesehen ist man niergends weiter weg von einer “ernstzunehmenden Position” als beim BGE – mit oder ohne Diskussion.

        Beim BGE ist die Position derzeit die:
        - wir finden die Idee toll
        - wir haben davon keine Ahnung
        - wir haben keine Ahnung was die Realisierung angeht
        - wir wissen nicht ob es funktionieren kann, realisierbar ist, wie die Folgen aussehen

        ..> wir sind dafür

        Und das ist für Dich “ernstzunehmen”. Dann würde ich Dich einmal fragen was Für Dich eine nicht ernstzunehmende Position ist. ;)

        Grüße
        ALOA

  • korbinian sagt:

    deine punkte sind valide und nachvollziehbar. was ich mich aber frage wie wir in zukunft politik machen wollen. ich kann mir kaum was unbasisdemokratischeres , langsameres und mühseligeres wie einen parteitag vorstellen. grade die go-trollerei verhindert inhaltlich zu bestimmten themen stellung zu beziehen. zb anträge zur abgeordnetenbestechung von mirco liegen seit ewigkeiten unabgestimmt auf eis. so kanns auf jeden fall nicht weitergehen, irgendwie müssen wir auf tagesaktuelle themen reagieren können ohne jahrelang auf nen bpt zu warten, bei dem genug zeit bleibt darüber abzustimmen. mir kommts so vor als wären die leute die am lautesten basisdemokratie schreien grade die die sich gegen abstimmungstools wehren. irgendwie kommen aber leider keine konstruktiven vorschläge wie wir das problem in zukunft lösen wollen.

    btw: ich persönlich freue mich über die entscheidung des buvo nur finde ich die begründung von bernd zur unterstützung der bge demo recht fragwürdig. v.a. der schnelle stimmungsumschwung der anwesenden den man da bemerkt hat war erstaunlich. ich hätte da inhaltlich argumentiert. für mich ist eine ablehnung von hartzIV und somit zumindest ein minimal-ge direkt aus unserem pseudogrundsatzprogramm ableitbar. hab ich ja auch schon unter daniels post ausgeführt.

    korbinian

  • aloa5 sagt:

    Dem Bundesvorstand scheint die Tragweite seiner Entscheidung nicht bewusst gewesen zu sein

    Pattern?

    Dort wusste (und weiß) jeder ganz genau was er entschieden hat.

    Grüße
    ALOA

    • korbinian sagt:

      ich denke dem buvo war absolut bewusst was er da entscheidet. ich bin dankbar dass wir da auch leute mit arsch in der hose sitzen haben. kaum sind die 2 problembären krank oder im urlaub läufts wie am schnürchen :)

      • aloa5 sagt:

        Manche finden auch Schäuble, Mappus und Rech toll weil sie Eier in der Hose und die Macht dazu haben etwas anzufassen. Und manche halten sie sogar mit mehr Legitimation ausgestattet als ein halber Bundesvorstand.

        Andere sehen es so das ein BuVo sich z.B. aus einem Tool wie LQFB herausholt oder/und aus dem Parteiprogramm “ableitet” um damit zu legitimieren das man programmatisch (oder auch anderes) macht was man selbst möchte.

  • Deuterium sagt:

    Ohne das ein bundeseinheitlicher Mindeslohn von uns gefordert wird welches der allererste Schritt in diesem bereich wäre kann man auch nicht wirklich über BGE oder ähnliches reden.
    Nächster Schritt wäre die forderung von Equal pay und die Abschaffung von prekären Beschäftigungsverhältnissen insbesondere die sog. Aufstocker wo mit Steuergeldern Dumpinglöhne subventioniert werden.

    Ist nur ein kurzer Anriß in einem sehr umfangreichen Thema.

  • Panther Ray sagt:

    Ich kann nur lauthals begrüßen, dass sich der Bundesvorstand entschließen konnte, in einer so entscheidenden Programmfrage, die in der PP einfach nicht zu Potte kommen will, den Vorreiter zu spielen und ein klares Zeichen zu setzen. Wozu haben wir sonst einen Vorstand? Ein Briefkasten, der nicht mehr als die laufenden Geschäfte verewaltet, ist für eine politische Partei zu wenig.

    Ja sicher, zur alltäglichen Praxis sollte das Vefahrren nicht werden. Aber besteht denn die Gefahr? Ich finde, der Bundesvorstand war bislang in diesen Dingen eher zu zimperlich. Und sollte er dieses eine Mal an der Partei vorbei entschieden haben, wird sich das spätestens auf dem Programmparteitag herausstellen. Stellt sich stattdessen aber heraus, dass er auch dieses eine Mal ganz im Sinne der Mitgliedschaft entschieden hat – na umso besser, dass er mit seinem Vorpreschen dem Entscheidungsprozess endlich auf die Sprünge geholfen hat!

    Ins Piratenstammbuch: In der Politik kommt’s nicht auf die Software an, sondern auf den Content.

    Corsaronero

  • Ingo sagt:

    Die Arbeit mit dem BGE war der Hauptgrund für meinen Austritt aus der Piratenpartei.

    Als WiWi kann ich für so eine naive und unbedachte Behandlung dieses Themas nicht einstehen.
    Da die Piraten hauptsächlich auf die populären bzw. pseudowissenschaftlichen Behauptungen anspringen (und sich von gewissen wohlbekannten Interessengruppen leiten lassen), sehe ich nicht wie jemand überhaupt noch ernsthaft Lust an Programmatik hat.

    Fakt ist, dass die Partei sicherlich allein dadurch schon viele kompetente Leute verloren hat (mich meine ich natürlich damit nicht!) und eine eindeutige Bekennung Bekennung zum BGE – zumindest auf derzeitigem Stand, würde wohl zu einer großen Spaltung führen.

  • Panther Ray sagt:

    Spaltung? Zu einer sachlichen Klärung. Das wäre gut. Auf die Menge kommt’s derzeit nicht an. Mehrheiten, die auf Unbestimmtheit beruhen, stieben beim ersten Windhauch ieder auseinander.

  • andreas70 sagt:

    Klasse geschrieben! Sehr gut!
    Von solchen Ansichten brauchen wir mehr…

  • Pirat aus RLP sagt:

    Wir als Landesverband Rheinland-Pfalz distanzieren uns von dem Vorgehen des Bundesvorstandes und dem Versand von Pressemitteilungen ohne inhaltliche Legitimation aus der Beschlusslage der Piratenpartei. Pressemitteilungen, Stellungnahmen oder Aufrufe zu Demonstrationen, die nicht gedeckt sind vom Parteiprogramm oder Beschlusslage der Piratenpartei, sind nicht vereinbar mit unserem basisdemokratischen Prinzip und daher nicht akzeptabel. Wir fordern den Bundesvorstand auf, bei Pressemitteilungen mehr Sorgfalt walten zu lassen und keine Pressemitteilungen ohne entsprechende Beschlusslage mehr zu versenden. Insbesondere fordern wir den Bundesvorstand auf, Liquid Feedback oder andere Meinungsbilder (z.B. von Parteitagen) nicht zur Legitimation von Pressemitteilungen oder anderen Stellungnahmen heranzuziehen.

    (beschlossen auf dem letzten Landesparteitag!)

  • [...] der Piratenpartei am 7.10.2010 zur Unterstützung der BGE-Demo am6.11.2010 aufgerufen und ist dafür heftig kritisiert worden. Auf dieser dann doch recht kleinen Demo wurde explizit mit Flyern dafür geworben, in die [...]

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